(neu: Weitere Äußerungen Landespolitik im neuen 3. Absatz.)
ERFURT/MAGDEBURG (dpa-AFX) - Auf bis zu 4.000 Jobs durch Zalando <DE000ZAL1111> hatte die Thüringer Landespolitik einst gehofft. Nun plant der Berliner Moderhändler so schnell aus Erfurt zu verschwinden, wie er vor rund vierzehn Jahren gekommen ist. In einem Dreivierteljahr soll Schluss sein für die rund 2.700 Beschäftigten. Landespolitik, Kommune und Gewerkschaften wurden davon kalt erwischt. Es hatte offenbar keinerlei Warnsignale gegeben.
"Dass wir hier vor vollendete Tatsachen gestellt worden sind, ist absolut unüblich und ganz sicher kein guter Stil", so Thüringens Wirtschaftsministerin Colette Boos-John (CDU). Es ist ein weiterer harter Schlag in einer Reihe von wirtschaftlichen Rückschlägen für den Osten Deutschlands: Das Aus für die geplante milliardenschwere Intel <US4581401001>-Chipfabrik in Magdeburg, das Aus bei Dow Chemical im mitteldeutschen Chemiedreieck, der Niedergang der Solarindustrie im "Solar Valley", die Schließung der einst als Vorzeigefabrik gebauten gläsernen VW <DE0007664039>-Manufaktur in Dresden.
Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) sagte: "Beschäftigten Sicherheit zuzusagen, Leistung zu fordern, ihnen Verlässlichkeit zu signalisieren und anschließend Standorte zu schließen, beschädigt Vertrauen nachhaltig." Sein Amtsvorgänger Bodo Ramelow (Linke) sprach von einer kalten Abwicklung des Standorts mit nicht viel mehr als dem gesetzlich vorgeschriebenen Sozialplan.
22 Millionen Euro für Zalando in Erfurt
Es sind nicht nur wirtschaftliche Rückschläge - für viele Beschäftigte dürften sie sich auch wie gebrochene Versprechen anfühlen. Zahlreiche der wirtschaftlichen Leuchttürme, die gerade zu wackeln drohen, sind einst mit Fördermillionen in den Osten geholt worden. Im Fall von Zalando waren es 22 Millionen Euro. Seine vertragliche Schuldigkeit hat das Unternehmen getan, die Zweckbindung der Gelder ist ausgelaufen, heißt es aus dem Thüringer Wirtschaftsministerium. Doch die Beschäftigten dürften das anders sehen.
Hohe Energiepreise, schwache globale Nachfrage, Konkurrenz aus dem Ausland: Die kriselnde deutsche Wirtschaft ist kein Ost-Phänomen, doch angesichts schwacher Wirtschaftsprognosen und einem Höchststand bei den Firmenpleiten dürfte insbesondere vom Osten auch wirtschaftspolitischer Druck auf den Bund ausgehen: In Sachsen-Anhalt macht sich die AfD berechtigte Hoffnungen, nach der Wahl im September die erste Landesregierung zu stellen. Sie buhlt um Stimmen der Enttäuschten und Verärgerten.
Experte: Teils kaum noch Unterschied zwischen Ost und West
Aber wackelt der Aufschwung Ost gerade generell? "Geht es um die wirtschaftlichen Aufholprozesse nach der Einheit, steht meist die noch immer vorhandene Ungleichheit im Vordergrund", schreibt Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in einer Analyse zu den Unterschieden zwischen Ost und West.
"Dabei wird aber übersehen, dass es in den ostdeutschen Städten und Kreisen, abgesehen von den Großstädten, im Vergleich zu ihren westdeutschen Pendants kaum noch Unterschiede gibt." Viele ostdeutsche Regionen schreiben laut Gornig sogar Erfolgsgeschichten.
Davon berichtet auch die Ostbeauftragte der Bundesregierung, Susanne Kaiser, in ihrem aktuellen Bericht. "Die ostdeutsche Wirtschaft wächst bereits seit Jahren stärker als die westdeutsche." Viele Regionen im Osten hätten sich als attraktive Standorte für Forschung, Technologie und Start-ups etabliert.
Aktuelle wirtschaftliche Krisenstimmung trifft ganz Deutschland
Die Rückschläge der vergangenen Monate an ostdeutschen Wirtschaftsstandorten haben jeweils unterschiedliche Gründe: In der Chemieindustrie in Leuna wurden hohe Energiepreise genannt. Chip-Hersteller Intel kämpft weltweit mit Problemen. Die Solarindustrie hat große Konkurrenz aus China. Automobilzulieferer etwa im Harz und in Thüringen hängen an den Problemen der großen Autoindustrie bei der Umstellung von Verbrennern auf Elektroantriebe. Probleme, die es so auch im Westen gibt.
Laut dem aktuellen Insolvenztrend des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) lag 2025 die Zahl der Firmeninsolvenzen bundesweit so hoch wie seit 20 Jahren nicht. "Der Anstieg war breit, da wurde niemand verschont", sagte der Leiter der IWH-Insolvenzforschung, Steffen Müller der dpa. "Der Süden ist stark im Maschinenbau und in der Automobilzulieferung, das ist eine strukturelle Krise, die sich im Insolvenzgeschehen zeigt."
Zugleich gab es auch erfreuliche Nachrichten für die ostdeutsche Wirtschaft: In der Chip-Industrie in Dresden sind neue Investitionen von rund 1,1 Milliarden Euro geplant. Und Sachsen-Anhalt hält auch ohne Intel an der Entwicklung des High-Tech-Parks bei Magdeburg fest und spricht mit Investoren.
Dominanz "verlängerter Werkbänke" im Osten
Aber Hiobsbotschaften bleiben hängen. Zalando wurde 2012 in Erfurt, Intel 2022 als großes Versprechen angekündigt. Kommunen gehen in Vorleistung mit Fördergeldern und Infrastruktur, während in fernen Konzernzentralen Entscheidungen getroffen werden.
Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung in Dresden nennt in einer Analyse strukturelle Defizite im Osten: vor allem das Fehlen von großen eigenständigen Unternehmen, die Dominanz sogenannter verlängerter Werkbänke und häufig auf regionale Märkte ausgerichtete Produktionszweige.
Angesichts der schwierigen Lage warnten Arbeitgeber und Gewerkschaften der ostdeutschen Chemiebranche im Dezember vor einem regelrechten Abbau Ost und dem Verlust von bis zu 63.000 Arbeitsplätzen. Für die Ostdeutschen dürften die jüngsten wirtschaftlichen Rückschläge keine guten Erinnerungen an bisherige Transformationserfahrungen hervorrufen./mse/DP/men