KASSEL/WIESBADEN (dpa-AFX) - Der Kassel Airport macht seit seiner Eröffnung 2013 jährlich Millionenverluste. Im Jahr 2024 betrug das Defizit des Regionalflughafens im Landkreis Kassel nach Angaben des Hessischen Finanzministeriums knapp fünf Millionen Euro. Für 2025 sehe der Wirtschaftsplan ebenfalls einen Fehlbetrag von rund 5 Millionen Euro vor, hieß es.
Die einzige stationierte Maschine der Fluggesellschaft Sundair verlor der Regionalflughafen im nordhessischen Calden bereits 2024. Feste Linienflugverbindungen hat es in diesem Winter keine gegeben, einzelne regelmäßige Flüge etwa nach Gran Canaria und Teneriffa finden sich im Flugplan erst wieder ab Ende Januar. Pläne mit alternativen Airlines und Veranstaltern gestalten sich in der Umsetzung schwierig. Der Flughafen äußerte sich auf Anfrage der dpa dazu nicht.
Land steht weiterhin zum Flughafen
Das Land, das mit 68 Prozent größter Anteilseigner des Flughafens ist, steht dennoch weiterhin fest zum Kassel Airport. Weitere Gesellschafter sind die Stadt und der Kreis Kassel mit je 14,5 Prozent. Die Gemeinde Calden hält 3 Prozent. Volkswirtschaftlich sei der Flughafen ein Gewinn für die Region, erklärte das Finanzministerium. Er habe seit seiner Eröffnung trotz Herausforderungen im Linien- und Charterverkehr spürbare Impulse für Nordhessen und ganz Hessen gesetzt.
Das Ministerium verweist auf die jüngste Studie des Zentrums für Recht und Wirtschaft des Luftverkehrs (ZFL). Ihr zufolge hatten sich bis Sommer 2024 am Kassel Airport 1.287 direkte Arbeitsplätze in 40 Unternehmen angesiedelt. Das sei ein Anstieg um über 82 Prozent im Vergleich zu 2012, dem Jahr vor der Eröffnung des Regionalflughafens, betont das Ministerium. Insgesamt seien demnach 3.432 direkte, indirekte und induzierte Arbeitsplätze und eine Bruttowertschöpfung von 291 Millionen Euro mit dem Flughafen verbunden. Allein auf Nordhessen entfielen dabei 2.133 Arbeitsplätze und 171,6 Millionen Euro Wertschöpfung.
Ministerium: Kassel Airport ist Wirtschaftsmotor für Region
"Diese Zahlen zeigen, dass der Flughafen weit über seinen eigentlichen Betrieb hinaus als Wirtschaftsmotor für die Region wirkt", erklärt das Ministerium. Er sorge dafür, dass Kaufkraft in Nordhessen bleibe, sich Unternehmen ansiedelten und neue Geschäftsfelder erschlossen würden. "Damit trägt er maßgeblich zur Stabilisierung ländlich geprägter Räume bei, die ohne solche Infrastrukturen Gefahr laufen, an wirtschaftlicher Attraktivität zu verlieren."
Ein oft übersehener Aspekt sei zudem das Steueraufkommen, das die wirtschaftliche Aktivität rund um den Flughafen erzeuge. "Für das Jahr 2023 weist die Studie ein Steueraufkommen von 72,6 Millionen Euro aus." Dieses verteile sich auf 31 Millionen Euro für den Bund, 30,3 Millionen Euro für die Länder und 11,3 Millionen Euro für die Gemeinden. "Für das Land Hessen ergibt sich daraus eine hohe Umwegrentabilität: Jeder investierte Euro bringt 3 bis 4 Euro an Steueraufkommen zurück."
"Der Flughafen hat sich als strategischer Standort für Mobilität, Wirtschaft und Sicherheit etabliert", so das Fazit des Ministeriums. Er sei inzwischen weit mehr als nur ein Abflugort für Ferienflieger. "Er sichert die internationale Wettbewerbsfähigkeit Nordhessens, unterstützt die Resilienz kritischer Infrastrukturen und legt den Grundstein für neue, zukunftsorientierte Geschäftsfelder."
Gewerbepark wird derzeit erschlossen
So verweist das Ministerium auf den 64 Hektar großen Gewerbepark Kassel Airport, der aktuell erschlossen werde. Und es sieht noch eine weitere Perspektive: "Aufgrund seiner zentralen Lage in Deutschland eignet sich der Kassel Airport zukünftig auch für das elektrische Fliegen oder den Betrieb von Drohnen sowie wie für Zwecke des Zivilschutzes und der Gesamtverteidigung."
Luftfahrtexpertin: Ursprüngliche Erwartungen nicht erfüllt
Dem stimmt die Luftfahrtexpertin Yvonne Ziegler grundsätzlich zu. "Das könnte zukünftig ein Argument für diesen Flughafen sein", sagt die Professorin für Betriebswirtschaft mit besonderem Schwerpunkt Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences. Allerdings gebe es in der Nähe auch noch den Flughafen Paderborn als Alternative.
Insgesamt steht Ziegler dem Kassel Airport kritisch gegenüber. "Der Flughafen hat die ursprünglich mit ihm verknüpften Erwartungen nicht erfüllt", sagt sie. Er habe eigentlich einen infrastrukturellen Anschluss der Region Nordhessen an die Welt ermöglichen sollen. Tatsächlich sei dieses Ziel mit Blick auf die fehlenden Flugverbindungen völlig verfehlt worden.
In dieser Hinsicht sieht die Luftfahrtexpertin auch künftig wenig Perspektive für den Kassel Airport - auch vor dem Hintergrund der harten Konkurrenz. Viele andere Flughäfen hätten ebenfalls zu kämpfen und würden um Kunden ringen. Sie seien dabei aber oftmals besser aufgestellt als der Kassel Airport. "Jeder versucht, seine Nische zu finden. Das halte ich beim Kassel Airport für schwierig."
Zu viele Regionalflughäfen in Deutschland
Der Flughafen mache seit seiner Gründung Verluste, die regelmäßig die Eigentümer decken müssten. Die Entscheidung für den Standort sei eine politische gewesen, um den Standort Nordhessen zu stärken. "Sie war aber nicht richtig durchdacht", sagt Ziegler. Zumal es mehrere Flughäfen in der Nähe Kassels gebe und insgesamt zu viele Regionalflughäfen in Deutschland. "Dadurch ist die Situation für alle gleichermaßen schwierig", erklärt Ziegler. Gäbe es weniger Regionalflughäfen, würden diese jeweils besser dastehen.
Die Ansiedlung zahlreicher Firmen aus dem Luftverkehrsbereich am Kassel Airport sei schon als Erfolg zu werten, sagt sie. Aber sie sei nicht die ursprüngliche Bestimmung des Flughafens gewesen. "Und ob sie die hohe Investition in den Kassel Airport rechtfertigt, sei dahingestellt. Die Frage ist, ob man mit dem Geld nicht etwas Sinnvolleres hätte machen können für die Region."
Der Bau des Regionalflughafens war mit rund 271 Millionen Euro dreimal teurer als ursprünglich geplant. Anfangs wurden Passagierzahlen von 500.000 bis 600.000 bis zum Jahr 2020 prognostiziert. Mit rund 83.000 Fluggästen im Jahr 2024 und einem Rekordwert im Jahr 2018 von knapp 132.000 Passagieren bleibt der Flughafen bislang weit hinter der einstigen Zielmarke zurück./nis/DP/zb