KIEW (dpa-AFX) - Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist erneut von ballistischen Raketen aus Russland getroffen worden - und auch diesmal habe es keine vorherige Warnung der Verbündeten gegeben, beklagte die Staatsführung. Unmittelbar nach Auslösung des Luftalarms waren schon die ersten Explosionen in der Millionenmetropole zu hören, wie das ukrainische Nachrichtenportal "The Kyiv Independent" berichtete. Ein neunstöckiges Wohngebäude ging nach einem Treffer in Flammen auf, laut Bürgermeister Vitali Klitschko gab es mindestens 2 Tote und mehr als 20 Verletzte.
Wie schon am Vortag hätten die internationalen Partner auch diesmal keine Warnhinweise auf einfliegende Raketen gegeben, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Abend. Die Geschosse seien quasi erst im Anflug auf Kiew von den Radaren entdeckt worden. Außer dem Wohnblock sei auch ein Heizkraftwerk getroffen worden. Den russischen Angreifern werde es zu einfach gemacht, beklagte Selenskyj. Am Morgen wurde dann eine weitere Angriffswelle gemeldet, deren Folgen zunächst unklar waren.
US-Regierung bestreitet Vorwürfe aus Kiew
Die Ukraine verließ sich in ihrem seit 2022 andauernden Abwehrkampf gegen Russland bislang vor allem auf Aufklärungsdaten des US-Militärs, aber auch auf die anderer Nato-Mitgliedsstaaten. Zuletzt traten jedoch wieder Spannungen zwischen den Regierungen in Kiew und Washington offen zutage. Die US-Regierung bestritt Vorwürfe aus Kiew, wonach militärische Informationen nicht mehr mit den Ukrainern geteilt würden.
Selenskyj machte aus seinem Unmut über die Situation keinen Hehl. "Das ist überhaupt nicht gerecht, wenn sie (die Russen) Energieanlagen zerstören und die Ukraine nicht einmal Warnungen vor dem Start von ballistischen Raketen erhält", schrieb er auf Telegram. Es sei wichtig, dass die USA wirklich sehen würden, was vor sich gehe und wer Schuld daran habe, dass der Krieg weitergehe.
Verschärft wird die aktuelle Lage durch akuten Munitionsmangel der ukrainischen Streitkräfte. Während es ihnen nach langen Jahren des Verteidigungskriegs an Geschossen zur Raketenabwehr mangelt, hat Russland die Angriffe auf Kiew und andere Städte verstärkt. Als effektivste Abwehr gegen ballistische Raketen, die aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeit besonders schwierig abzufangen sind, gelten die von den USA produzierten Patriot-Systeme. Die ukrainische Armee hat mehrere davon, aber nicht genügend Munition. Ein Grund dafür: Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat die weltweiten Munitionsbestände zusätzlich verknappt.
Selenskyj im Clinch mit Klitschko
Da Russlands Angriffe immer wieder auf die Energieversorgung der Ukraine zielen, könnte die kalte Jahreszeit mit drohenden Strom- und Heizungsausfällen für die von gut viereinhalb Kriegsjahren zermürbte Zivilbevölkerung noch härter werden. Selenskyj warf den Hauptstadtbehörden eine schlechte Vorbereitung vor. "Jeder Kiewer sieht, dass die Stadt wirklich nicht vorbereitet ist", rügte der Staatschef in einer Videobotschaft - und griff damit auch Kritik in sozialen Netzwerken auf.
Die Situation sei schlechter als in den Wintern der vorherigen Kriegsjahre - selbst einzelne Drohnenangriffe würden schon zu Strom- und Wasserausfällen führen, kritisierte Selenskyj. Es gebe auch Probleme bei Schutzräumen, der Vorbereitung von Schulen, dem Bau von Schutzanlagen für wichtige Objekte und beim öffentlichen Nahverkehr. "Kiew hängt anderen Regionen bei der Umsetzung der Stabilitätspläne hinterher", resümierte der Präsident, ohne Bürgermeister Vitali Klitschko beim Namen zu nennen.
Der wies die Vorwürfe unter Verweis auf die besonders harten Angriffe der vergangenen Wochen zurück. "Das Stadtoberhaupt trägt nicht die Verantwortung für die Flugabwehr", sagte Klitschko zu Journalisten. Kiew sei das Hauptziel russischer Attacken - und er selbst Opfer einer Kampagne mit dem Ziel, ihn durch ein loyaleres Stadtoberhaupt zu ersetzen. Klitschko sprach von einem Angriff auf die kommunale Selbstverwaltung. Landesweit seien bereits 300 missliebige Bürgermeister von der Zentralregierung ersetzt worden.
Klitschko und Selenskyj gelten als politische Gegner und tragen ihren seit langem schwelenden Konflikt immer wieder auch öffentlich aus. Der Präsident sieht im Bürgermeister der Hauptstadt womöglich einen potenziellen Konkurrenten bei einer kommenden Präsidentschaftswahl und kritisiert regelmäßig dessen Amtsführung. Umgekehrt wirft Klitschko dem Staatschef einen autoritären Regierungsstil und Aushöhlung der Demokratie vor.
EU treibt Beitrittsgespräche mit Ukraine voran
Unterdessen treibt die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen mit der Ukraine voran. In Luxemburg wurden am Dienstag Gespräche über weitere Themenblöcke begonnen - namentlich über den Binnenmarkt sowie Wettbewerbsfähigkeit und inklusives Wachstum. Die irische EU-Ratspräsidentschaft sprach von einem weiteren Meilenstein für die Ukraine.
Die Entscheidung zur Ausweitung der Verhandlungen, die neben der Ukraine auch den Nachbarn Moldau betrifft, gilt für beide Länder als wichtiges Zeichen, dass sich ihre Reformanstrengungen lohnen. Vor allem die seit Jahren in den Krieg verwickelte Ukraine kosten diese Reformen viel Kraft.
Im Verhandlungsprozess zur Aufnahme in die EU soll sichergestellt werden, dass ein Kandidatenland alle Voraussetzungen für eine Mitgliedschaft erfüllt. Mit einem Abschluss der Gespräche wird vor allem bei der Ukraine nicht vor dem kommenden Jahrzehnt gerechnet. Das Land ist nach Einschätzung von Experten nicht nur im Bereich der Korruptionsbekämpfung noch weit von EU-Standards entfernt./mk/DP/zb