FRANKFURT (dpa-AFX) - Nach einer starken Woche dürfte der Dax <DE0008469008> zunächst auf Richtungssuche bleiben. "Am deutschen Aktienmarkt ist das Glas wieder halb voll statt halb leer", kommentierte Marktanalyst Timo Emden vom Handelshaus Captrader. Die Anleger hätten das jüngste KI- und Zinsgewitter aus den USA offensichtlich mit einem blauen Auge überstanden. "Ob aus den Aufwinden ein tragfähiges Grundgerüst für eine Jahresendrallye entsteht, bleibt fraglich", ergänzte Emden. Die Gemengelage sei nach wie vor undurchsichtig.
Auch Kapitalmarktexperte Jürgen Molnar vom Broker RoboMarktes sieht die Börsenampel zumindest wieder auf Gelb, nach turbulenten Tagen habe sich die Stimmung etwas aufgehellt. Aus Sicht der Experten des Börsen- und Analyseportals Index Radar verlieren schlechte Nachrichten allmählich ihren Schrecken, weshalb die Korrektur im Dax an Dynamik verlieren könnte. Der deutsche Leitindex ließ zuletzt sowohl die 21- als auch die 100-Tage-Durchschnittslinie hinter sich. Mit der mittelfristigen 50-Tage-Linie komme jetzt eine wichtige Hürde, die den Dax jüngst mehrfach ausgebremst hatte, schrieben die Experten der Schweizer Großbank UBS.
Von einer grundlegenden Entspannung aber könne noch keine Rede sein, warnte Marktstratege Andreas Lipkow vom Handelshaus CMC Marktes: "Die hohen Energiepreise bleiben angesichts der militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten und der gestörten Lieferketten ein erheblicher Belastungsfaktor." Die zuletzt überraschend stark gestiegenen Verbraucher- und Erzeugerpreise aus den USA hätten gezeigt, wie schnell sich der Energiepreisschock auf die Inflation übertragen könne. Am Dienstag stehen frische Erzeugerpreisdaten aus Deutschland für den September auf der Agenda.
Neben geopolitischen Spannungen, Inflationssorgen, hohen Anleiherenditen und den bevorstehenden US-Zwischenwahlen verwies Marktanalyst Kyle Rodda von Capital.com auch auf den Wettbewerb im Chipsektor als Unsicherheitsfaktor. Entscheidend sei nun, ob die nächsten Quartalszahlen aus dem Technologiesektor der USA für mehr Orientierung sorgen oder die Schwankungen weiter verstärkten. Im Wochenverlauf stehen unter anderem Zahlen von Netflix <US64110L1061>, Tesla <US88160R1014>, IBM <US4592001014>, Texas Instruments <US8825081040> und Intel <US4581401001> an.
"Aussagen und Berichte von KI-Profiteuren aus Asien und Europa lassen zwar vermuten, dass die US-KI-Giganten gute Quartalszahlen vorlegen werden", schrieb Aktienstratege Uwe Streich von der Landesbank Baden-Württemberg. In Summe werde für das dritte Quartal allerdings ein US-Quartalsgewinn unterhalb des zweiten Jahresviertels erwartet. Wegen der hohen Gewichtung der Tech-Unternehmen in bedeutenden Indizes mahnte Streich zur Vorsicht. Die Anleger hinterfragten die hohen Investitionen in Künstliche Intelligenz zuletzt wieder stärker.
Der Dax profitierte daher jüngst von seinem klassischen Branchenprofil. "Das oft als deutsches 'Industriemuseum' belächelte Börsenbarometer kann seiner Zusammensetzung derzeit durchaus etwas abgewinnen", stellte Salah-Eddine Bouhmidi, Analyst beim Handelshaus IG, fest. Während KI-Aktien unter Druck stünden, biete die geringere Technologieabhängigkeit dem Dax einen gewissen Schutz.
Auch im deutschen Leitindex kommt die Berichtssaison langsam ins Rollen. Aus dem Dax präsentieren am Dienstagabend die Deutsche Börse <DE0005810055> und am Mittwoch der Softwarekonzern SAP <DE0007164600> ihre Quartalsbilanzen. Dazu kommen Zahlen von einigen Nebenwerte aus MDax <DE0008467416> und SDax <DE0009653386>.
Konjunkturseitig steht am nächsten Freitag mit dem von S&P Global ermittelten Einkaufsmanagerindex für Oktober ein Highlight an, das sowohl für Deutschland und die Eurozone als auch für die USA veröffentlicht wird. Bereits am Dienstag rücken die ZEW-Konjunkturerwartungen in den Blick. Analyst Simon Azarbayjani von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) rechnet mit einem leichten Rückgang des ZEW-Index, das Signal für einen konjunkturellen Aufschwung dürfte aber intakt bleiben.
Da in der zweiten Oktoberhälfte nur wenige Termine im Kalender stünden, verlagere sich der Fokus wieder auf die Notenbanken, kommentierte Anlagestratege Mark Dowding von RBC BlueBay Asset Management. Er bezweifelte, dass eine der großen Zentralbanken bei ihrer nächsten Sitzung die Zinsen anheben wird. Jüngst hatten Aussagen von US-Notenbankchef Kevin Warsh die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung noch im Oktober aus Marktsicht wieder deutlich sinken lassen./niw/la/he
--- Von Nicklas Wolf, dpa-AFX ---