ZÜRICH (dpa-AFX) - Boykott-Drohung der UEFA, massive Kritik der Verbände
- und nun auch noch der Rücktritt eines hochrangigen FIFA-Beraters:
Der Widerstand gegen Gianni Infantino wächst nach der Vorstellung seiner Investorenpläne rasant. Der Präsident des Fußball-Weltverbands verliert immer stärker an Unterstützung, weltweit und im eigenen Haus. Der erhoffte Milliardendeal droht ohnehin kolossal zu scheitern, und damit Infantino gleich mit?
Neben der europäischen UEFA, die gar mit WM-Boykott droht, und der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständigen Concacaf ist nun auch der asiatische Fußballdachverband AFC deutlich auf Distanz zu Infantino und seinen so stark in die Kritik geratenen Investorenplänen gegangen. Selbst innerhalb der FIFA tun sich gewaltige Gräben auf. Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater Infantinos, trat aus Protest gegen das Vorhaben zurück - und zwar mit drastischen Worten.
Infantinos Top-Berater kann nicht tatenlos zusehen
"Als leitender Berater des FIFA-Präsidenten, früherer Banker und lebenslanger Fußball-Fan kann ich nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht", schrieb der Topfunktionär auf der Plattform LinkedIn. Der ehemalige Präsident des US-Verbandes, der seit 2021 für die FIFA arbeitet, betonte, an den Plänen nicht beteiligt gewesen zu sein und diese entschieden abzulehnen.
"Es ist ein schlechtes Geschäft für die FIFA-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fußball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports", schrieb Cordeiro. Laut AP war der Funktionär in den vergangenen Wochen mehrfach zu Arbeitsbesuchen im Weißen Haus. Als früherer Partner der Investmentbank Goldman Sachs wird Cordeiro große Erfahrung mit Investitionsgeschäften nachgesagt.
Der britische Premierminister Andy Burnham hat sich unterdessen offen für die Ablösung von Infantino ausgesprochen. Der Schweizer sei "der falsche Mann" an der Spitze des Fußball-Weltverbandes, sagte der neue Regierungschef. Burnham bekräftigte seine Kritik, die er bereits direkt nach dem Bekanntwerden der Pläne geäußert hatte. "Das war ein empörender Vorschlag", sagte Burnham. Diesen überhaupt voranzutreiben, zeige aus seiner Sicht, dass Infantino nicht der richtige Mann sei, um den Weltverband zu führen.
AFC hat "ernsthafte Bedenken"
Zuvor hatte sich die AFC mit der Europäischen Fußball-Union und der Concacaf solidarisiert und von "ernsthaften Bedenken" wegen der FIFA-Investorenpläne berichtet. Die asiatischen Mitgliedsverbände lehnen die Pläne demnach zwar nicht kategorisch ab, kritisieren aber die "beispiellosen Spaltungen, die sich in der gesamten Fußballwelt gezeigt haben".
Dass ein WM-Boykott öffentlich diskutiert werde, "sollte jeden beunruhigen, dem die Zukunft unseres Sports am Herzen liegt. Der Fußball hätte niemals in eine solche Lage gebracht werden dürfen", hieß es in der AFC-Mitteilung. Ein Sprecher des Ozeanischen Fußballverbands (OFC) teilte knapp mit, dass man die FIFA-Vorschläge prüfen werde. Keine Reaktion gab es zunächst vom südamerikanischen Verband Conmebol. Der afrikanische Dachverband Caf hatte sich zuletzt offen für die Investorenpläne gezeigt.
Die FIFA hatte mitgeteilt, mit dem potenziellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte etwa an der WM eine Milliardensumme einspielen zu wollen. Für die Umsetzung will die FIFA das Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) gründen. Laut Berichten setzte der Weltverband eine Frist für die Zustimmung zum geplanten Investorendeal und versprach im Gegenzug eine Sonderzahlung. Der Stichtag soll demnach der 19. September sein.
FIFA wehrt sich: "Niemand verkauft den Fußball"
Allerdings deutet nach den neuesten Entwicklungen viel darauf hin, dass Infantino nun kräftig zurückrudern muss. In einer am Freitagmorgen verbreiteten Stellungnahme unter dem Titel "Erläuterungen zum Vorschlag FIFA Forward Enterprise (FFE)" distanzierte sich der Weltverband nicht von den Plänen, sondern verteidigte sie.
Die FIFA gab an, der geplante Konsultationsprozess sei durch fehlerhafte Medienberichte gestört worden. "Niemand verkauft den Fußball", beteuerte der Weltverband. "Das ist etwas, was die FIFA niemals in Betracht ziehen würde." Die FFE sei ausschließlich vorgeschlagen worden, um sicherzustellen, dass alle FIFA-Mitgliedsverbände die Möglichkeit haben, die kommerziellen Chancen des Fußballs in ihren jeweiligen Ländern sinnvoll zu nutzen. Die öffentlich geäußerten Rückmeldungen würden respektiert, hieß es. Man bekräftige "unser Bekenntnis zu einer offenen und demokratischen Konsultation".
Streich: "Mafiöse Strukturen"
Zu den Kritikern weltweit gehörte auch der Chelsea-Coach Xabi Alonso: "Ich denke, Fußball muss für die Menschen da sein und darf nicht in privaten Händen liegen. Genau so lieben wir ihn, und wir haben eine großartige Weltmeisterschaft erlebt." Besonders drastische Worte wählte der ehemalige Freiburger Bundesligatrainer Christian Streich in einem Interview mit Sky: "Was bei der FIFA abläuft, das ist hochgradig korrupt. Das sind einfach mafiöse Strukturen. Das weiß eigentlich jeder. Und dann muss es auch ausgesprochen werden. Das ist Mafia-Gehabe, was da abläuft."/dj/DP/mis