PARIS/LONDON/ZÜRICH (dpa-AFX) - Ein Großteil der Aktienmärkte Europas hat am Freitag nach einem freundlichen Start mit deutlichen Verlusten geschlossen. Die Forderung von US-Präsident Donald Trump nach einer "bedingungslosen Kapitulation" des Iran schickte die Aktienmärkte zeitweise auf Mehrmonatstiefs. Sorgen, dass der Krieg noch länger dauern könnte und die Ölpreise weiter steigen und die Weltwirtschaft gefährden, machten sich breit. Angesichts einer leichten Entspannung bald nach dem US-Börsenauftakt erholten sich dann auch die Indizes in Europa wieder etwas. Die Nervosität blieb aber hoch.
Der EuroStoxx 50 <EU0009658145> ging mit einem Abschlag von 1,09 Prozent auf 5.719,90 Punkte aus dem Tag, nachdem der Leitindex der Eurozone zeitweise auf den tiefsten Stand seit Anfang Dezember gesackt war. Im Wochenverlauf verzeichnete der EuroStoxx einen Verlust von 6,8 Prozent.
Außerhalb der Euroregion gab der britische Leitindex FTSE 100 <GB0001383545> am Freitag um 1,24 Prozent auf 10.284,75 Punkte nach, was auf Wochensicht ein Minus von 5,7 Prozent bedeutet. Der Schweizer SMI <CH0009980894> verlor 1,52 Prozent auf 13.095,55 Punkte und verbuchte damit ein Wochenminus von 6,6 Prozent.
"Die Sorge vor einer möglichen Ausweitung des Nahostkonflikts verdirbt Anlegern den Appetit auf Risiko", kommentierte Marktexperte Timo Emden von Emden Research. Vor dem Wochenende herrsche besondere Vorsicht, zumal sich die Hoffnung auf ein zeitnahes Ende des Konflikts fürs Erste zerschlagen habe.
Am Samstag hatten die USA und Israel den Iran angegriffen und unter anderem dessen obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet. Die Kampfkraft des Landes ist nach US-Angaben durch die Angriffe zwar deutlich geschwächt, doch der Iran versucht, den Krieg im gesamten Nahen Osten auszuweiten. Dabei wird vor allem die Öl- und Gasinfrastruktur der Golfstaaten ins Visier genommen. Der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus, durch die in Friedenszeiten täglich rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels transportiert wird, ist fast zum Erliegen gekommen. Der Ölpreis beschleunigte seinen Höhenflug, was Konjunktur- und Inflationsängste weckt.
Mit Ausnahme der Öl- und Gasbranche gaben alle Branchen nach. Eni <IT0003132476> und Totalenergies <FR0000120271> zählten mit Gewinnen von 1,5 und 1,8 Prozent zu den Spitzenwerten im EuroStoxx. In London legten BP <GB0007980591> und Shell <GB00BP6MXD84> zu. Seit Beginn der Angriffe von USA und Israel auf den Iran hat sich Rohöl der Sorte Brent um mehr als 20 Prozent verteuert.
Rüstungswerte legten ebenfalls zu. Rheinmetall <DE0007030009> als Favorit im EuroStoxx stiegen um 2,9 Prozent. Safran <FR0000073272>, ebenfalls Mitglied in EuroStoxx, gewannen 0,4 Prozent. Thales <FR0000121329> legten an der Pariser Börse um 2,1 Prozent zu und in London stiegen BAE Systems <GB0002634946> um 3,0 Prozent.
Zahlreiche Reise- und Freizeitwerte hielten ihre anfänglichen Gewinne nicht. Air France-KLM <FR001400J770> gaben um 0,8 Prozent nach, IAG <ES0177542018> büßten in London 2,4 Prozent ein. Thomas Woldbye, Chef des Londoner Großflughafens Heathrow, hatte den Iran-Krieg als Herausforderung bezeichnet.
Unter den Einzelwerten fanden die Genussscheine von Roche <CH0012032048> Beachtung, die um 2,9 Prozent nachgaben. Am Vorabend hatten der Pharmakonzern und sein Partner Zealand Pharma Daten aus einer Phase-II-Studie mit dem Prüfwirkstoff Petrelintide zur Behandlung von Übergewicht bekannt gegeben. Vor allem die Angaben zur möglichen Gewichtsabnahme werteten Analysten als enttäuschend.
Nestle <CH0038863350> hielten sich im schwachen Gesamtmarkt mit plus 0,1 Prozent stabil. Das lag nicht nur daran, dass das Papier des Nahrungsmittelherstellers als defensiv, also relativ konjunkturunabhängig, beurteilt wird. Es stützte auch die Nachricht, dass der Tod eines Säuglings in Frankreich nicht mit verunreinigter Babynahrung von Nestle zusammenhängt. Der Fall war zeitlich mit dem Rückruf von Säuglingsmilchprodukten wegen möglicher Verunreinigung durch ein Toxin zusammengefallen./ck/men